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Louis Leipoldt – Vertaling in Duits

Friday, March 22nd, 2019

Louis Leipoldt (1880 – 1947) – vertaal deur Robert Schall

Uit: Oom Gert vertel en ander gedigte (1911)

 

Ohm Gert erzählt

 

Ja, Junge, was kann dir ein alter Mann erzählen?

Du möchtest die Geschichte unsres Sterbens hören?

Nun gut!

 

Es ist ja nie zu spät, um noch aus ihr

zu lernen und sie zu beherzigen – vor allem

für euch junge Leute. Haltet ihr nur fest

an dem, was wir besitzen, und steht aufrecht, und nehmt

Anteil an unsrer Nation.

 

Doch bist du hier

beim falschen Mann; da gibt es viele andere,

die dir die Geschichte besser, gut durchdacht,

mit der Moral zum Schluss, auch mit mehr Einsicht

in die ganze Politik, als ich erzählen

können: ich weiß nur, was meine Seele kennt,

und graben kann ich nur im eignen Herzen,

und dieses ist sehr alt und fast schon tot –

mein Herz, mein ich; und wahrlich, wenn du auch

soviel schon durchgemacht, soviel gelitten,

soviel gerungen, und soviel gesehen hättest,

was Du lieber nie gesehen hättest,

dann wäre auch dein Herz nicht mehr ganz ungebrochen.

Aber komm – was kann ich dir erzählen?

Recht lang ist die Geschichte! – traurig auch:

sie ist durchtränkt mit Schluchzern und mit Tränen, alter Junge!

Willst du sie hören? Also gut!

 

Doch setz dich hin. – Mann, sitz!

Ich kann doch nicht erzählen, wenn du stehst.

Sitz da. (Ach, Gerrie, gib ihm Kaffee,

und dein Vater kann dann auch ein Schlückchen trinken.)

Nun ja, du weißt, als unsre Menschen hier

vom Krieg so ganz verdattert waren,

besetzte eine Khaki-Einheit unsre Stadt

und proklamierte Marschall Loh.

Der alte Smith, der Richter, ist ein Mann,

den ich hoch achten kann, obwohl er englisch ist:

er war doch stets ein Jentelman,

und ist mit uns gut klargekommen.

Aber man hat ihn in aller Stille abgesetzt

und in Ost-London kaltgestellt – nur weil

er nicht so flott nach ihrer Pfeife tanzen wollte.

Er wurde dann durch diesen Oberst abgelöst;

sein Name – Gerrie sag, wie hat der noch geheißen?

Jones? Nein, mein Kind, Jones war sein Adjutant –

du weißt, der Depp mit Streifen auf den Ärmeln.

Jetzt hab ich’s! Wilson hat der Kerl geheißen –

so ein Fettsack: Schnauzer grau und gelb,

die Schneidezähne lang, und rosige Visage;

die Leute sagten, dass er säuft; doch ich

hab ihn besoffen nie erlebt und will nun auch nicht mehr

den Lumpen hintenrum noch schlechter

machen als er eh schon war – egal!

Er hat uns unterdrückt; mit harter Hand:

kein Licht im Haus darf brennen; und kein Mensch

darf auf die Straße gehen nach acht Uhr;

er hat uns überwachen lassen und sogar

die Häuser durchgeschnüffelt, um zu sehen

ob wir vielleicht nicht Waffen oder Sprengstoff hätten,

Patronen, solcherlei; er glaubte auch,

wir hätten Haufen Proviant gehortet,

um den Buren auf Kommando auszuhelfen.

Ja, junger Mann, mit harter Hand! (Mein Schatz, gib

mir noch Zucker! Mir sind zwei Stückchen nicht genug:

du weißt, dein Vater trinkt den Kaffee süß.)

 

Und wir,

wir waren halb verwirrt dadurch, halb fassungslos;

und niemand unter uns hat je gewusst,

was uns am nächsten Tag erwarten würde.

Die Stadt war stark am Gären, wie ein Teig,

durch den man gründlich Sauerteig geknetet hat –

du weißt, wie geht das Ding dann auf; so war es auch

mit unsren Menschen! Doch – was kann man machen?

Die jungen Männer waren widerspenstig –

wir konnten sie noch kaum im Zaume halten –

und zwei von ihnen sind auch wirklich durchgegangen.

(Mein Schatz, da – seine Tasse ist schon wieder leer.)

 

Und eines Abends kommt zu mir dann Bennie Bêrends,

und mit ihm Johnny Hendriks, Sarels Junge.

Sie sind so stille durch die Stadt gehuscht,

die Wache hat rein nichts bemerkt –

sonst hätten ich und Sarel davon schnell gehört,

und noch dazu ein Strafgeld zahlen müssen!

Der alte Sarel war mein Freund gewesen;

er ist denselben Monat noch gestorben,

an Magenkrebs – des Herren Hand!

So hat er diesen Tag nicht überlebt. Doch

ich bin jetzt der Sache weit voraus.

Auf meinem Stuhl hier habe ich gesessen; und da

wo du jetzt sitzt, hat Bennie auch gesessen.

Und Johnny neben ihm. Ich seh ihn noch –

ein jungenhaftes Kerlchen; damals halt

noch nicht ganz trocken hinter seinen Ohren;

und ziemlich dreist, er konnte schnippisch sein,

das Jahr erst konfirmiert. (Ach Gerrie, Kind,

bring doch das Album!) – Das hier ist sein Bild,

und hier ist Bennies; da steht auch der Satz,

den seine Mutter selig noch geschrieben hat:

am Tag … am Tag nach seinem Tod. Lies du

ihn vor: denn meine Brille passt nicht recht, und hier im Rauch

kann ich nicht so gut sehen. Lies nur vor!

„Barend Gerhardus Barends,“ recht! und nun?

„Geboren op den zesden Mei,“ ja recht!

„Ge …“ – mach das Buch halt zu: ich weiß, ich weiß!

(Schatz, leg das Album weg! Was stehst du da

verdattert wie ‘ne Katze? Komm, schenk wieder ein!

Wir haben Milch genug, und Zucker auch,

und Marschall Loh ist aufgehoben in der Stadt!)

Ja, Bennie war ein wirklich gutes Kind –

mein Patensohn – und, mit Verlaub,

ein richtig hübsches Kerlchen für die Mädels,

so kerzengrade, sauberes Gesicht:

rasieren brauchte er sich wohl noch nicht.

(Mein Schatz, geh hin und schau, ob Lenchen schon

das Ofenholz gebracht hat.)

 

Ja, mein Junge,

er war in Gerrie hier verliebt; und ich,

was sollte ich dagegen haben? Denn Bennie war

genau der Richtige für sie.

Du siehst, sie ist noch nicht ganz drüber weg;

wir müssen aber alle noch darüber kommen,

wenn es auch hart ist, und das Herz uns bricht!

Ach ja, mein Schatz wird es mit Gottes Segen

überwinden und auch ihren Schmerz vergessen,

obwohl es schwer ist – aber es muss sein!

Doch wenn wir ihn besprechen, ist es besser,

wenn wir sie vorher aus dem Zimmer schicken.

Nun gut! Wo war ich?

 

Ja, der Abend, als die zwei

zu mir um Rat gekommen waren. Es war Bennies Plan:

er wollte weg mit Johnny, Richtung Witkransspruit –

dort stand, das hatten sie erfahren, Smuts

und sein Kommando.

 

Ich fiel fast in Ohnmacht,

als ich das hörte. Und ich habe sie gewarnt –

Doch nein!

 

Mein Junge, ach, die Jugend ist so stur!

Und Bennie war schon immer störrisch: schon als Kind

hat er deswegen öfter Prügel eingesteckt!

Die beiden waren fest entschlossen wegzugehen.

Ich hatte damals noch bei mir zwei Pferde –

die Khakis hatten sie noch nicht beschlagnahmt –

ich weiß auch nicht warum – aber ich kann schwören,

es war nicht meine Schuld, dass die zwei Tiere noch

in meinem Garten standen; doch da, da standen sie!

Und Nonnie – meine Frau und Gerries Mutter – ist

dasselbe Jahr gestorben, in Goudini,

am Herzen, denn auch ihr hat diese Sache Leib

und Seele ruiniert – und Nonnie hat

die beiden Jungen auch gewarnt, vergebens!

„Wir halten es hier nicht mehr aus, Ohm Gert:

man muss doch etwas tun für die Nation.“

„Tun? Etwas tun? Ach, Jungs, was könnt ihr tun?

Was bleibt uns allen hier zu tun?“

 

Vergebens.

Nonnie hat meinen Rucksack vollgepackt,

mit Biltong, Zwieback und so weiter;

ich hab die Satteltaschen mit gekochten Eiern

und solchem Proviant gefüllt – denn er

war doch mein Patensohn, und Johnny, auch,

war Sarels Sohn – und Sarel war mein Freund!

Das kann mir also niemand übel nehmen,

selbst mir als Untertan der Königin:

kann ich mein eigen Fleisch und Blut denn leiden lassen,

wenn ich noch Essen hab? Nein, Junge, das steht fest –

und mein Gewissen hat mich nie geplagt!

So, kurz und gut, die zwei sind weg; und – siehe da:

frühmorgens wuselt das Geschmeiß um mich!

Der Oberst, fette Hummel, summt und brummt,

und tobt und flucht – ich aber bleibe stur.

Was konnte ich denn tun, dass diese Pferde

noch immer hier im Garten standen; und ich sagte

es sei seine Schuld, nicht meine;

doch Biltong, Zwieback und gekochte Eier

ließ ich ihm gegenüber lieber unerwähnt.

 

Wie haben wir die Monate durchstanden?

Mein Junge, frag mich nicht! Es war wie eine Wolke,

die über allem hing, nicht nur der Stadt,

auch über unsrem Land, der ganzen Nation!

 

Dann, eines Tags: die Nachricht … (Wart, da ist sie wieder. –

Ach, Schatz, jage die Hühner aus dem Garten!

Schau, dieser Hahn – er scharrt die Blumen aus!)

 

Nun, eines Tages kommt die Nachricht – welch ein Schreck!

Die beiden, Ben und Johnny, sind gefangen

und im Gefängnis eingelocht. Ein Kriegsgericht –

du kennst den Rest! Und dann, dann noch ein Schlag:

Das Urteil – beide werden aufgehängt!

Der liebe Gott weiß, welch ein Schlag!

Wir taten, was wir konnten, doch vergebens;

das Dreckszeug schrie um Rache – und sie mussten hängen!

Und, an dem Morgen kommt der Hauptwachtmeister:

„Der Oberst schickt mich, lässt schön grüßen!“ Gott!

Er lässt schön grüßen! – hör! Hast du kapiert?

Kapierst du, Junge? – schöne Grüße!

 

Nein!

Nur ruhig, ruhig, Herz, auch wenn du birst:

Verwinden müssen wir‘s, und wenn es uns zerbricht!

 

Und, „Bitte, will ich an dem Morgen kommen,

und sehn, was man Rebellen hier serviert,

wenn nicht … .“ Der Hauptwachtmeister war ein Mann;

denn er hat sich in seiner Haut nicht wohl gefühlt,

als er mir diese Botschaft bringen musste;

und auch die Khakis, muss ich sagen, waren gut –

sie mussten aber ihre Pflicht doch tun; ich war bloß froh,

dass sie sie nicht gemein erledigt haben.

Der Hauptwachmeister – Nichols war sein Name;

er hat danach im Freistaat Blei gefressen,

und nicht so gut verdaut – er sagte mir,

die andern würden auch auf diese Weise vorgeladen.

So hätten mehr von uns sich die … ach ja, du weißt! –

da im Gefängnis anzuschauen. Und er warnte,

ich käme besser – und sei’s mir auch zuwider.

 

In dieser Nacht gab es für mich und Nonnie keinen Schlaf.

 

Ich weiß noch gut: Der Tag war kühl –

ein Mensch vergisst so einen Tag nicht schnell!

Ein bisschen Ostwind, kältlich, denn dabei

hat Nonnie sich oft Rheumaschmerzen zugezogen –

unter Rheumaschmerzen hat sie sehr gelitten,

und konnte Kälte nie vertragen. Wie gesagt,

der Tag war kühl, und meine Jacke war

deswegen zugeknöpft – du weißt, ich prunke gern

mit meiner Anzugweste: und warum

soll man auch eine Anzugweste tragen, wenn kein Mensch

sie sieht? – Das Wetter aber war tatsächlich kühl,

und meine Jacke deshalb zugeknöpft.

Und in der Kehre, unten bei der Mühle,

hab ich die andern morgens früh getroffen,

denn, wie gesagt, wir waren alle vorgeladen.

Der Pastor war auch da, und Albert Louw –

du kennst bestimmt den scheelen Louw? Nun ja!

Und Michiel Nel, und Gys van Zyl, und Piet –

an Piet wirst du dich kaum erinnern, denn

das war vor deiner Zeit; er war ein Kerl,

so stark wie Samson – Mensch, der Mann war stark!

Und giftig wie ein Skorpion war er!

Doch albern, Junge, und ein Possenreißer,

selbst wenn der Himmel dunkel ist, und dumpf

der Donner in den Wolken dröhnt. Nun ja,

wir haben alle unsre Fehler, und ich will

es Piet van Ryn nicht übel nehmen,

dass er auch jetzt noch Späße machen wollte,

wenn es uns anderen so elend ging.

„Ein scharfes Lüftchen, Gert,“ hat er gesagt,

„du solltest Ben die Jacke leihen: denn vielleicht

hat’s droben schlechtes Wetter!“ Und er lacht!

Und ich war froh, der Pastor war dabei:

Ehrwührden hat ihn da sofort getadelt

und schön den Kopf gewaschen.

 

„Ist das jetzt die Zeit

für Witze, Herr van Ryn?“ hat er gefragt.

„Wie können Sie so etwas heute wagen,

wenn unsre Herzen schwer, und unsre Augen

noch trüb vor Tränen sind für unser Land?“

(Mein Schatz, jag doch die Hühner endlich weg!

Sie machen Dreck im Hof; wir helfen uns hier selbst.)

Piet aber war nicht auf den Mund gefallen,

und hat das Späße machen nicht gelassen;

wir haben aber weiter nichts gehört,

und ihn danach nicht mehr beachtet.

Ich glaub, ihm war genau so schlecht wie mir;

er wollte nur, dass niemand etwas merkt.

 

So haben wir den Vorplatz des Gefängnisses betreten:

voller Khakis. Und beim Tor

hat man uns, zwei und zwei, hereingelassen.

Und da im Hinterhof, da stand der Galgen,

und Ben und Johnny bei ihm, Hand in Hand,

sie waren nicht in Ketten; wir erhielten die

Erlaubnis mit ihnen zu sprechen.

Nur fünf Minuten!

 

Ich war stumm,

ganz benommen, meine Zunge wie gelähmt;

Doch Ben hat meine Hand ergriffen:

„Ohm Gert, es ist vorbei! Leb wohl, Ohm Gert!

Sag Tante Nonnie, und auch Gerrie – nein,

sag lieber nichts, sie werden doch verstehen.“

Auch John, mit einem Lächeln um den Mund,

hat mir die Hand geschüttelt: „Tag, Ohm Gert. –

Nein, Onkelchen, nicht heulen!“ – wie gesagt,

war Johnny immer etwas frech gewesen,

selbst schnippisch. – „Nein, mein Onkelchen, nicht heulen!

Wir haben unsre Pflicht getan, und jetzt ist’s aus.“

 

Dann unterhielten sie sich mit dem Pastor;

Und ich, als Bennies engster Blutverwandter,

ging mit ihm zusammen bis zum Galgen, dort … .

Nein, Junge, das ist nur der Rauch! Ich werde alt,

dein Tabak ist für mich jetzt viel zu stark.

Du weißt: ich rauche schwachen Tabak, der

die Augen nicht so brennen lässt.

 

Ach, wo war ich?

Ja, alle haben ihnen noch einmal die Hand gegeben.

Keiner von uns konnte sprechen; Piet war stumm,

ihm war so schlecht wie mir; und einer von uns – ,

ich weiß nicht, wer – hat auch laut geschluchzt.

Die Khakis wollten über Bennies Kopf

so eine Art von Kopftuch ziehen,

wie eine Haube, aber Bennie fragte –

sogar auf Englisch: er hat es gekonnt –

ob sie ihn ohne Augenbinde hängen könnten.

Der Oberst nickte; dann … .

 

Nein, Junge, lass!

Was hältst du wieder meine Hand? Lass meine Hand!

Verflixt, wie soll ich jetzt erzählen, wenn

du mich den Faden so verlieren lässt?

Blas deinen Rauch nur weg von mir:

denn meine Augen halten ihn nicht aus.

(Und Schatz, bring deinem Vater doch ein Taschentuch!)

 

 

Nun, das war‘s. Wir sind nach Haus gegangen,

und haben in dem Zimmer hier gekniet;

der Pastor hielt mit uns noch eine Andacht,

nur kurz  – dann war auch das vorbei.

 

Denselben Abend sind der scheele Louw

und Piet schon aus der Stadt verschwunden,

um sich unseren Kommandos anzuschließen.

(Mein Schatz, dein Vater hätte gern noch Zucker,

und schenk dem jungen Mann noch Kaffee ein!)

.

.

[Uit: Oom Gert vertel en ander gedigte (1911) vert. deur Robert Schall]